Späte Wiederkehr

Kreuzberg war nie wirklich meine Heimat, Neukölln schon gar nicht.

Den Friedrichshain, wie ich ihn in Erinnerung habe, wird es wohl auch nicht mehr geben. Aber vielleicht täusche ich mich da. Ich hatte zwar vor, vergangenen Montag noch eine Biege durch meinen alten Kiez zu machen, aber das allgegenwärtige Blitzeis und die zahlreichen Blaulichter auf den Straßen Neuköllns und Treptows ließen mich dann doch schnell in Richtung Süden entschwinden.

Nachdem ich im Herbst 1998 Berlin verlassen hatte in Richtung München, war ich nur noch sporadisch da. Höchstens mal für eine Woche, als ich im Jahre 2003 Hausmann spielte bei einer Frau, die ich damals noch liebte und welche in diesen Tagen mit dem Fertigstellen ihrer Diplomarbeit kämpfte. Und diesen Kampf zu meiner Freude auch letzten Endes gewann.

Und so wie damals an Worten gefeilt wurde, feile ich auch jetzt an meinen. Ist es doch nicht leicht, die seit meinem Weggang gewachsene innere Distanz zu Berlin bestehen zu lassen, ohne die seit dem vergangenen Wochenende hinzugekommenen Aspekte außer Acht nehmen zu wollen.

Shoshannah liegt keinen Meter von mir entfernt auf der Couchlehne und kuschelt sich in den nächsten Tiefschlaf. Die Gastherme singt ihr Lied, die Stadt draußen liegt eingewickelt da, wie in eine Decke aus weißem Samt. Ruhig und friedlich. Über dem Tagebau drüben in Polen wabert der Nebel und dahinter, im Isargebirge, flimmern vereinzelte Lichter durch den Frost.

Als ich am vergangenen Sonntag in der Frühe losfuhr, wurde es gerade erst hell. Hinter Bautzen und Richtung Hoyerswerda begann die Welt, die in meiner Kindheit, als ich in Kamenz aufgewachsen war, immer eine Verheißung von Heimat ausströmte, der ostpreussischen Heimat meiner Vorfahren. Was ich damals noch nicht wusste. Im Norden war immer das Unbekannte, das doch so nach dem roch, was mich ruhig werden ließ. Immer. Flach und voller Wälder. Tiefschwarze, vor Wasser triefende Erde neben hellem Sand. Kiefern, Weiden und Eichen. Schnurgerade Straßen, auf denen mir kein Auto entgegen kam, minutenlang. Seen und Teiche. Schwäne, die in perfekter Fünfer-Formation schräg meinen Weg kreuzten. Verlassene Storchennester, flache Häuser, Wald.

Einfahrt nach Berlin. Entspanntes Treibenlassen auf dem Adlergestell und der Kiefholzstraße bis nach Neukölln hinein. Eine S-Bahn, die eine Zeitlang denselben Weg hatte. Trübes Wetter. Halbe Kleinstädte am Bahnhof Schöneweide, die auf Bus und Bahn warteten.

Was mich früher an dieser Stadt gestört hatte, wird wohl zum großen Teil an meiner damaligen Kondition gelegen haben. Kurz angebunden, unverbindlich und unpersönlich. Nebeneinhergleiten. Solange niemand im Weg steht, der gerade ein herkunftstechnisches Problem mit Ehre hat oder gar unter allen Umständen jeden Fahrgast in der U-Bahn anschreien muss, der nicht bei Drei eine Obdachlosenzeitung gekauft hat. Wie ich diesen Dreck gehasst habe. Gestörte Menschen. Gestörtes Leben. Immer auf Vollgas. Immer auf den Sprung, um den Nebenmann nach hinten zu kicken.

Der Dreck ist immer noch da. Der allgegenwärtige Hundekot auch. Aber diesmal war meine Wahrnehmung geprägt durch Menschen, die mir in keinem Moment das Gefühl gaben, nicht richtig zu sein. Aber wie gesagt, vielleicht liegt es auch an der Kondition. Man wird ja auch älter mit den Jahren. Und gelassener. Obwohl mir das mit der Gelassenheit immer noch schwer fällt. Vor allem in meiner jetzigen Heimat.

Wirklich leckeres Lamm beim Inder und dieses ballförmige, vor Fett triefende, luftgefüllte und kochendheiße Brot, das mich den ausgiebigen Genuss von Augustiner Hell am nächsten Morgen nicht so sehr spüren ließ. Ein Film, der außer der Reihe mal was ganz Anderes war. Nette Gespräche mit mir bis dato unbekannten Menschen.

Vielen Dank an meine Gastgeber.

Beim nächsten Besuch jedoch ist eine Geflügel-Schawarma beim Schawarma-Mann in der Ohlauer Straße dran. Beste libanesische Küche.

Denkansatz

Die Augen schlechter, der Geist ist wach. Verloren im Nichts mittlerweile ist der Glaube, dass ich die Welt ändern könnte, sie anhalten könnte, ihr den eigenen Willen aufzwingen wie ein Gutsherr, dem niemals in den Sinn käme zu fragen, woraus er überhaupt das Recht der ersten Nacht ableitet.

Vertrauen aber, das sich leise regt nach so vielen Jahren an Negation aller menschlichen Nähe, das könnte ein Konzept für die kommende Zeit sein. Wenn die eigene Existenz plötzlich nicht mehr nur die Reflexion des inneren Silbers ist, welches verblasst, sondern das Wesen widerspiegelt. Das ich in die Welt trage.

Das Wissen über die Unmöglichkeit, meine Eigenheit so zu kommunizieren, dass keine Fragen mehr blieben, dieses Wissen befreit von Angst. Der Angst vor dem Versagen. Vor mir selbst.

Habe ich doch jeden Augenblick das Gefühl, sie dreht sich immer schneller, die Erde. Befreit vom Kokon, den ich begann zu spinnen, als ich einst spürte, niemals ein anderer Mensch sein zu können. Eigentlich will ich das auch nicht mehr. Der Wille als tragender Arm des Seins im Jetzt scheint nicht die einzige Wahl zu sein, die man haben kann.

Was möglich ist, wird auch gemacht

In den letzten Tagen flogen mir per Twitter ein paar Statements zu, die Prism mit der Stasi vergleichen und meinen, wegen einiger despektierlicher Äußerungen wird heute niemand einfach so abgeholt und dann mit irgendeinem Gummiparagraphen (früher bei der Stasi gern: §§ 104, 105, 106 DDR-StGB) abgeurteilt.

Ich gebe Folgendes zu bedenken: ein Staat, so demokratisch er auch sein mag, kann nie seiner Geburtsidee entsagen, die da einfach die Erhaltung des Staates an sich beschreibt. Wer dagegen angeht, gehört in die Schranken gewiesen. Und wenn es eben sein muss, dann so richtig mit Schmackes. Oder war der Radikalenerlass in der alten BRD eine Kaffeefahrt? Mitnichten. Man kennt ja kaum noch die Plakate mit den »Berufsverbot«-Bändern vor dem Mund. Aber damals reichte es manchmal schon, in der Nähe einer Anti-Atom-Demo zur Personalienfeststellung angehalten worden zu sein und gleichzeitig sein Gehalt als Grundschullehrer oder Postbeamter bekommen zu haben.

Waren RAF und Konsorten damals staatsgefährdend? Ja und Nein. Ja, weil sie den Staat an sich infrage stellten und Nein, weil sie keinesfalls die Mittel besaßen, den Staat an den Abgrund zu führen und auch noch hinab zu stoßen.

Ein Staat, der die Möglichkeiten besitzt, Kontrolle über seine Bürger auszuüben, wird das immer tun. Das liegt in seiner Natur, in jeder bisher praktizierten Gesellschaftsform tat ein Staat gut daran, Angst vor seinen Bürgern zu haben. Um dann natürlich Angstummkehr zu betreiben und diese in die Köpfe derjenigen zu pflanzen, die sich seine Bürger nennen. Diffuse Dinge sind am Besten: Islamismus (Scharia), Einwanderung (faule Afrikaner), Banken (Spareinlagen) etc. pp.

Der nächste Schritt, diese Kontrolle auch dafür zu nutzen, den kleinsten Widerspruch im Keim zu ersticken, ist heute kaum näher an der Realität als das damalige Regime der Stasi, welches nur einen Zweck erfüllte: den Staat zu schützen. Selbstzweck war das nie.

Das ist heute nicht anders. Nur die Methoden haben sich geändert. Früher Knast, heute Vernichtung der bürgerlichen Existenz. Mollath ist da nur das bekannteste Beispiel und sehr bezeichnend, weil auf den ersten Blick gar nicht mal politisch motiviert. Und eigentlich doch. Geht es doch im Kern um die Frage, wer in diesem Land das Sagen hat.

Der Weg von totaler Überwachung zur Repression ist kurz. Überwachung war noch nie Selbstzweck.

Spätestens dann, wenn gleichzeitig mehr als ein Frankfurt occupied werden soll und vielleicht noch ein paar schützenswerte Bäume auf dem Gelände eines Großprojektes umarmt werden möchten und dummerweise dann noch irgendwo gerade ein Atom-Endlager gestestet wird mit einer Castoren-Sternfahrt: dann werden wir erleben, dass die Stasi (so relativierend das auch klingen mag) nur eine Kaffeefahrt war – im Vergleich zu dem, was heute möglich ist.

Was damals 10 + X IM plus Unmengen an Embargo-Spionage-Equipment brauchte, welches der Schalck-Golo nebenbei im Westen besorgte, um aufgeklärt zu werden, das kann heute bequem an einem Behörden-PC erledigt werden. Mit dem Kaffee in der Hand:

  • Kredit– und EC-Karte (Bewegungs– und Aufenthaltsdaten – so wurde damals mein fahnenflüchtiger Kumpel B. aus Bayern von den Feldjägern an der südspanischen Küste auf der Flucht vor dem Zivildienst geschnappt);
  • Kredit– und EC-Karte – was hat man wann und wo gekauft. Wer 200 l Dünger bezahlt und keinen Kleingarten hat, wird wohl gleich etwas verdächtig sein;
  • Mobiltelefon: Bewegungsdaten, Kreuzverweise auf andere Personen – so kann man schnell klarmachen, welches soziale Umfeld nebenbei noch gecheckt werden sollte;
  • FB und Co: zeige mir, was du teilst und postest und ich sage dir, was dein Problem ist, weil es vielleicht eins für uns ist.

So bequem ist es, uns auszuforschen. Aus dem Drehstuhl heraus. Mit dem Kaffee in der Hand. Wie bei den US-Jungs in Rheinland-Pfalz (imho), die von dort aus Drohnen steuern, welche in Asien und Afrika so manche Hochzeitsgesellschaft so richtig tanzen lassen beim Splittern der Luft-Boden-Rakete. Macht schon Sinn, dass die Army in Merika PC mit Ego-Shootern drauf in den Rekrutierungsbüros stehen hat. Da sieht der Rekrutierungs-Captain gleich, wer sich für den Sidestick im Drohnen-Steuerungs-Container am Besten eignet.

Es macht schon Sinn. Je unpersönlicher solche Dinge erledigt werden, umso definitiver werden Ausmaß und Wirkung sein.

Aus der Mitte des Nichts

Noch immer gefangen in der Gewissheit, seit geraumer Zeit alles Menschenmögliche dafür getan zu haben, dass das Glück niemals wieder an meine Tür klopfen wird, regt sich – wenn auch zaghaft – Widerspruch in mir.

Was ist schon Glück?

Vollkommene Fülle? Absolute Stille? Orgiastisches Fühlen in wärmenden Schüben von den Beinen herauf, das länger als einen Augenblick anhält?

Ich weiß es nicht. Somit stellt sich die Frage, was ich da mit aller Gewalt aus meinem Leben heraushalten wollte. Nüchtern betrachtet drehte sich mein Streben nach Zufriedenheit immer um einen Zustand vollkommener Einsamkeit. Das mag in seiner profanen Art seltsam klingen. Unsozial. Kann sein.

Bewusst reflektiert habe ich diese Grundidee meiner Existenz nie wirklich. Jedoch erinnere ich mich, dass der Zustand des Einsam sein Wollens schon in meiner Frühzeit einen Großteil meiner kindlichen Energie beanspruchte.

Was sagt das über mich aus?

Nichts.

Nachdem ich vor mehr als zehn Jahren mit voller Wucht gegen eine Wand fuhr, die ich selbst in jeder kleinen Einzelheit geplant und gebaut hatte, blieb den meisten Menschen in meiner Umgebung nichts anderes übrig, als die Türen hinter mir fest zu verschließen. Es war ein gewollter Bruch. Nicht immer gleich endgültig für den Moment, doch auf jeden Fall im Laufe der Zeit. Die in mehr oder weniger großen Dosen an Sand verstrich. Der mir durch die geöffneten Hände rann.

Ich wollte vergessen, dass es möglich sein kann, am Ende eines jeden Tages größer sein zu können, schneller und stärker. Ich wollte vergessen, dass unser gesamtes Leben aus einem großen Hindernislauf besteht. Wo das Ausfahren der Ellenbogen ausdrücklich erlaubt ist. Ich wollte das Gefühl vergessen, wie es ist, wenn man verraten wird. Benutzt. Als kleine Holzfigur in einem großen Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel hin– und hergeschoben. Wollte nicht mehr abhängig sein. Und verletzbar.

Während in den letzten Wochen Dinge passiert sind, stellte ich jedoch fest: es mag so nicht weiter gehen. Ich verlege – wieder einmal – meinen Lebensmittelpunkt an einen anderen Ort. Alles wird anders riechen, sich anders anfühlen. Schaue ich aus dem Fenster, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Wieder einmal. Das neue Heim wurde einzig aus einem Zweck gebaut: Mittelpunkt meiner Einsamkeit zu sein.

Und doch ist es mehr. Ich weiß nicht, was genau. Aber das Gefühl, welches mich momentan beherrscht, ist keine Vorfreude. Auch keine Angst vor der Fremdheit in den neuen Räumen – das ist normal, finde ich.

Vielleicht einfach nur ein Abschied. Kommenden Sommer erscheint mein neues Album »Cell-o-Grell«. Was sein vorläufiges Ende fand in diesen Tagen vor 11 Jahren, all das wird dann verarbeitet, abgewogen, auskomponiert und abgeschlossen sein. Endgültig. Verstaut in meiner kleinen Holzkiste, die sich mein Leben nennt und noch etwas Platz hat. Egal wie gut oder schlecht das Endergebnis nach dem kommenden Mix und Mastering sein wird. Ein Mensch wird dieses Album als CD in seinem Briefkasten vorfinden. Dieser eine Mensch, der einmal das Einzige war, was ich wollte auf dieser Welt. Ab diesem Moment bin ich frei. So hoffe ich.

Was ich nur möchte: der kommende Tag mag nicht verdeckt sein von der Angst, es könnte der letzte sein. Lieber wäre mir nach langer Zeit, ich lebte jeden Tag, als wäre es der letzte auf dieser Welt. Es wird Zeit.

Das Wichtigste zuerst – Teil 2

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Statistiken sind nicht so meine Sache. So kann ich nicht mit Gewissheit sagen, in welchem Raum ich nach dem Schlafzimmer die meiste Zeit des Tages verbringe. Da ich aber in der Regel einmal am Tag koche und – seitdem ich ein iPad besitze – den Morgenkaffee (zwei Kaffeebecher, an Wochenenden auch mal drei) mittlerweile fast ausschließlich gleich neben der Quelle einnehme, ist die Küche schon ein heißer Anwärter auf Platz Nummer Zwei.

Nachdem Trockenbau, Installation sowie Tapezieren und Malern abgeschlossen waren, sollten nun in der vergangenen Woche die Küchenmöbel aufgebaut werden.

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Das Wichtigste zuerst – Teil 1

Wie in anderen Dingen auch, sollte man bei einer neuen Wohnung Prioritäten setzen. Vor allem dann, wenn ein Ungleichgewicht besteht zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Wirklichkeit in meiner zukünftigen Wohnung ist einfach die Bestätigung meiner wichtigsten Ansprüche: habe keinen über dir, habe Ruhe und eine gute Aussicht. Niemand soll dich einengen in deinem Wunsch nach selbstgewählter Einsamkeit.

Weniger wirklich und dafür gehörig gegen meine Ansprüche gehend dagegen befand sich die Küche. Kurz – sie war in einem erbärmlichen Zustand. Ich fühlte mich bei der ersten Besichtigung regelrecht zurückgesetzt in eine längst vergangene Zeit, als ich im Sommer des Jahres 1989 meine erste eigene Wohnung in Berlin-Friedrichshain »bezog«.

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Abschied und Neubeginn

Früh am Morgen stehe ich am offenen Fenster. Einem Fenster in meiner zukünftigen Wohnung. Im Nebenraum habe ich die Heizung etwas geöffnet. Die Gastherme beginnt ihr Lied. Eines, welches sich so aller 20 Minuten wiederholt. Ein Lied, das sich ungewohnt anfühlt. Neu.

Flimmernde Lichter in Weiß, Grün und Rot vom fernen Tagebau wabern herüber. Was mag das dort alles sein?

Aufmerksam höre ich auf jedes Geräusch. Der stürmische Wind aus westlicher Richtung, welcher die nach Osten zielenden Fenster meiner neuen Behausung ruhig im Lee belässt. Ich sehe die tiefen Wolken über mir schnell davon fliegen. Es ist eher ein Abschied. Auch wenn sich so viele unbekannte Dinge versammelt haben, um mich zu begrüßen.

Das wunderbare Morgenlicht in den Zimmern, nachdem sich die aufgehende Sonne endlich über dem sehr nah erscheinenden Riesengebirge erhoben hat.

Die wilde Meute von Grünfinken, die dem Sturm in der wogenden alten Birke trotzt. Jeden kleinen Halt ausnutzend, den die dürren Zweige bieten.

Das Knacken im Gebälk des Daches, welches sich über die Fenster wölbt. Das knisternde Zünden der Therme, leises Rascheln in den Rohrleitungen, das Rauschen des Verkehrs auf der anderen Seite des Hauses.

Mit Zigarette und frischem Kaffee stehe ich am Fenster. Alles riecht so anders. Fremd. Immer noch weit weg. Ich laufe durch die Räume, stelle mir vor, wie es wohl im Sommer sein mag. Wie wird das Licht sein? Wie lange wird es dauern, bis sich in mir die Art von Sicherheit einstellt, die mich fühlen lässt, dass ich zuhause bin?

Versuche, mir jede Unebenheit in den Wänden einzuprägen. Jeden Regenfleck auf dem Glas der Fenster. Jede Unregelmäßigkeit an Decke und Fußboden. Jeden Kratzer auf den wohl lange nicht mehr gestrichenen Türen. Lasse alle Möbel und Gegenstände, die ich besitze, gedanklich im Kreis fliegen und warte darauf, dass sich Eines nach dem Anderen aus dem Wirbel löst und auf dem rechten Platz niederlässt.

Es wird noch lange dauern, bis alles seinen Platz gefunden hat. Und das geht in Ordnung.

Auf ruhige Tage, die da kommen mögen

Seit 1. Dezember letzten Jahres habe ich nichts mehr geschrieben. Habe es gleichmütig hingenommen, dass mein Ex-Kollege Robert auf einmal richtig durchstartet mit seinem Blog und einfach mal so Themen abgreift, über die ich nachzudenken nicht mal ansatzweise gekommen bin.

Ich blieb still, während sich die wahnsinnige Konsumwut meiner Mitbürger kurz vor Weihnachten so heftig Bahn brach, dass selbst ein Besuch beim Stamm-Aldi wegen einer Packung Milch – und das kurz vor Acht am Samstagabend – zum Hindernislauf vom Feinsten wurde, inklusive – durch den rücksichtlosen Einsatz von Einkaufswagen zum Wegfreischieben – blauer Flecken an den Fußgelenken.

Unsere Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel wurde von meiner Wenigkeit auch nicht bedacht, nachdem sie Ihre Jahresendansprache zum Thema »Gürtel enger schnallen« gab.

Ich werde nichts darüber sagen, dass Bettina Wulff ihre seinerzeit von mir berechnete Schamfrist nun deutlich verkürzte und den armen Ex-Bundespräsidenten sogar nun bald auch zum Ex-Ehemann machen wird.

All das versank in Gleichmut, während ich nun mittlerweile drei bis vier Stunden am Tag (an Wochenenden durchaus auch länger) gezwungen war, mein Leben in der Küche meiner jetzigen Wohnung zu leben.

Seit August habe ich es mit Nachbarn zu tun, die den Verfall der Sitten exemplarisch ausleben, und das in vollen Zügen. Nägel einschlagen gegen 23 Uhr? Kein Problem. Staubsaugen zu ähnlichen Zeiten? Eine leichte Übung. Das ungezogene Kind jeden Abend gefühlte fünf Minuten länger aufbleiben zu lassen, was dann in Schreiorgien des kleinen Rackers so gegen 3 Uhr am Neujahrstag gipfelte. Na sowas von ausgeführt. Hundegebell? Hinnehmbar. Gespräche der Nachbarin am Mobiltelefon plus Zigarette auf dem Balkon, während das Elend und die Profanität ihrer jämmerlichen Existenz der ganzen Nachbarschaft gratis geliefert wird – gern auch mal so gegen 2 Uhr in der Nacht? Blieb es einmal aus an manchen Tagen, fühlte ich mich merkwürdigerweise krank und irgendwie gerädert.

Ich bin ja eigentlich eher der ruhige Typ. Will ich es an den Abenden filmisch oder musikalisch mal so richtig krachen lassen, stülpe ich mir meine AKG über. Spätestens um 20 Uhr ist die Waschmaschine mit Schleudern fertig. Nach 22 Uhr wird nicht mehr geduscht. Selbst tagsüber vermeide ich alles, was zu einer Beeinträchtigung des Lebens meiner Nachbarn führen könnte. Und dazu gehört für mich auch das Vermeiden von Lärm, der sich vermeiden lässt.

Da ich seit deren Einzug auch keine Probleme habe, den Tagesablauf meiner Nachbarn in groben Zügen mitzuerleben (Besteck auf den Tisch legen, Stühlerücken, Trash-TV am Nachmittag, Husten, Niesen, Schnauben, Fur…), hatte ich schon alsbald das Gefühl, die Wand zwischen beiden Wohnungen lässt etwas zuviel an Information durch. Keine Ahnung, was die Vormieter in dem zu meinem Wohnzimmer gelegenen Raum gemacht haben, aber lautstarke Dinge waren das mit Ausnahme der seltenen verbalen Ausfälle des damaligen männlichen Parts der Nachbarn (»Halt die Fresse.«, »Lass mich in Ruhe.«, »Schnauze.«) eher nicht. Wenn man ein paar Jahre zusammenlebt, kann einem sowas schon mal rausrutschen. Oder?

Auch eine Anfrage an den Vermieter brachte nur das Ergebnis, dass da eine 24er Brandschutzwand wäre, welche alle aktuellen Standards des Lärmschutzes erfüllen würde. Okay, eine Vorsatzschale mit 100er Dämmung löscht zwar nicht jedes Geräusch, kostet aber auch nicht den Gegenwert einer Jahresmiete. Also, man sah keinen Bedarf an einer Verbesserung der Zustände. Nebenbei gibt die Heizungsanlage im Haus den Geist auf und lässt sich nur noch am Leben halten durch den 14-tägigen Besuch meines Stamm-Technikers von der Haustechnik, der wieder Wasser in die Heizung füllt und meine Heizkörper entlüftet. Der Keller ist ein wahres Brutlabor von neuartigen Pilzformen, die wohl nur in diesem Haus existieren. Auch wurde das Haus vor ca. 20 Jahren so gründlich mit billigem Styropor gedämmt, dass der Pilz an den Außenwänden langsam durch die Tapete quillt und freudig Hallo sagt. Aber zweimal eine Stunde Lüften pro Tag in den Wintermonaten wird wohl zu wenig sein von meiner Seite aus.

So um die Feiertage herum sah ich keine Möglichkeit mehr, mich den Gegebenheiten anzupassen in einer Form, die meine Art zu leben konkret und massiv einschränkt. Ach, hatte ich erwähnt, das ein im Spätsommer an die neuen Nachbarn gerichteter, sehr netter Brief mit Bitte um Mäßigung plus Angebot eines Gespräches zur einvernehmlichen Klärung dahingehend beantwortet wurde, dass die Autorennen und Kratzübungen des Nachbarkindes nun an der Trennwand zu mir erfolgten? Keine Ahnung, ob das nur ADHS ist oder das Ergebnis von Nikotin– und/oder Alkoholgenuss während der Schwangerschaft. Ich werde es wohl nie erfahren wollen.

Wohnungssuche an sich ist schon Stress pur. Ganz davon abgesehen, dass der eigentliche Akt des Umzuges einem Gewaltakt gegen die eigene Person gleichkommt. Gefühlt benötigte ich bisher bei jeder neu bezogenen Wohnung nicht weniger als zwei bis drei Jahre, um mich einigermaßen zuhause zu fühlen. Dies steht mir nun wieder bevor.

Um es kurz zu machen: die Wohnungssuche endete diesmal ebenso schnell, wie sie begonnen hatte. Meine drei Prioritäten in der Sache waren folgende: Dachgeschoss-Wohnung, keine Nachbarn (idealerweise alleinstehendes Haus), schöne Aussicht.

Zwei Tage nach dem Erscheinen einer Suchanzeige in der örtlichen Nummer Zwei der Anzeigenblätter klingelte heute morgen das Telefon und eine der Stimme nach ältere Dame bot mir mit einer Ausnahme das an, was ich gesucht hatte. Die Ausnahme wäre leider der Stadtteil (nördlich des Bahnhofes), den ich so nicht im Blick hatte. Kurzfristig wurde ein Treffen vereinbart. Ich war ca. 20 Minuten früher in der Gegend und lief einmal im weiten Bogen um das Haus herum. Abgesehen von einer Hauptstraße an der Vorderseite des Hauses (die angebotene Wohnung sollte komplett nach hinten gelegen sein) eine ruhige Gegend. Hinter dem Haus ein weiter Platz mit Garagen und einer Firma aus Tschechien, die dort nur Büros vorhält. Ansonsten nur Birken, ein kleiner Garten hinterm Haus. Vorkriegs-Architektur (Bj. 1912), somit solide Bauweise erwartbar. Keine überquellenden Mülltonnen. Alles ziemlich alt, aber gepflegt.

Ein Netto-Markt, Zahnarzt, Sparkasse, Tierarzt von Shoshannah, Teppichladen und Stadtbus-Haltestelle sowie ein Handwerkerbedarf keine fünf Minuten vom Haus weg, der Bahnhof ca. 10 Minuten Fußweg entfernt. Nicht schlecht.

Die alte Dame am Telefon entpuppte sich als eben solche. Sehr nett und zuvorkommend. Sie wohnt auch in dem Haus, das von ihrem Großvater erbaut wurde. Feines, renoviertes Treppenhaus, alte Wohnungstüren mit Glasfenstern. Ehemalige Toiletten auf halber Treppe, die nun als Abstellkammern dienen. Nicht übermäßig teuer renoviert, aber gut in Schuss.

Die Wohnung: eine große Küche, die vom Wohnzimmer abgeht, ein schönes Schlafzimmer und ein winziges Bad, in dem sich Dusche, Wachbecken und Klobecken um den besten Platz balgen. Ich bin ja eh der Duschen-Typ. Und Lesen auf dem Klo raubt mir die Konzentration auf das, was auf dem Klo halt wichtig ist. Die Dusche war Punkt Vier auf meiner Liste.

Große, doppelflüglige Fenster. Keine Dachfenster. Sehr steile (und damit kaum hinderliche) Dachstürze. Alte Türen mit Glas. Frisches Laminat in den Zimmern und im Flur. Wohnungs-Gastherme für Heizung und Warmwasser. Und ein Gasherd – der Küchentraum seit meiner ersten eigenen Wohnung in der Berliner Mühsamstraße.

Alles sichtbarer Altbau. Nichts verdeckt durch Plastik-Kanäle oder Trockenbau, außer im frisch neu gefliesten und verkofferten Bad. Badezimmer wäre übertrieben. Frei laufende Gasleitungen. Tapete, die qua ihres Aussehens nach Abreißen schreit sowie Unmengen von Steckdosen in allen Räumen. Kabel Deutschland bietet 100 MBit an und mein jetziger Anbieter 1&1 16.000 DSL.

Die Küche bietet genug Platz für Küche an sich, Sofa und Esstisch, das daran anschließende Wohnzimmer wäre das perfekte Arbeitszimmer mit Schreibtisch unter dem Fenster. Das Schlafzimmer in seiner Form ist dann nur noch Zugabe.

Eine Katzenbesitzerin wohnt schon im Haus. Die Hausbesitzerin selbst würde sich sehr freuen, die Pflege von Shoshannah zu übernehmen, sollte ich mal ein paar Tage wegfahren wollen.

Die Aussicht in Richtung Osten (Morgensonne) ist selbst für Zittauer Verhältnisse gigantisch: (von Nord nach Süd) das Haus meiner Ex-Schwiegereltern, Eckartsberg, Kraftwerk Turow, Tagebau Turow, Riesengebirge, Teile von Zittaus Nordosten, Zittauer Gebirge.

Shoshannah wird dann spätestens Anfang April wieder Stress bekommen. Ich denke aber, dass wir beide schon einen Tag vor dem eigentlichen Umzug umziehen werden und ich ihr das Schlafzimmer herrichte, inklusive aller von ihr benötigten Dinge (Toilette, Fressen, Trinken, Spielen, Schlafen). So hat sie Vorsprung und ist sicher, wenn die Umzugs-Träger die Wohnung drumherum voll stellen.

Und wenn sie die neue, goldige und schon wieder retromäßige Küchenlampe dereinst genauso fasziniert betrachten wird wie zurzeit meine Wohnzimmerlampe mit der durchhängenden Stromleitung dran, dann wird alles gut werden.

Alles in allem: das Jahr hat schon mal gut begonnen.

Wochenende

Die Wintersonne genießen …

Shoshannah – Die erste Woche

Nun sind acht Tage vergangen, seitdem Shoshannah bei mir eingezogen ist. Im Allgemeinen kann ich sagen, dass ich mir die ersten Tage anders vorgestellt hatte. Und ich hatte mehr Zeit eingeplant, bis sie sich vielleicht etwas sicherer fühlen würde. War sie anfangs noch sehr ängstlich und lautstark in der Nacht, so hat sich dies unerwartet schnell gelegt. Ich hatte befürchtet, dass ich sehr viel Geduld werde haben müssen.

Shoshannah entpuppte sich schnell als reizende Persönlichkeit. Durchaus mit Wunden aus der Vergangenheit. Sie wurde von Amts wegen aus einem Haushalt geholt, in dem sie mitunter tagelang allein war und somit auch unregelmäßig Futter oder eine saubere Toilette vorfinden konnte.

Sie hatte sich im Tierheim soweit eingelebt und ich war mir nicht sicher, ob ein zweiter großer Bruch nach dem Einzug bei mir und in relativ kurzer Zeit nicht doch Unannehmlichkeiten auf beiden Seiten nach sich ziehen würde. Musste sie doch zwischendurch auch zweimal Bekanntschaft mit dem Tierarzt machen, Impfungen und die Kastration waren sicher nicht so toll.

Bei unklaren Situationen versteckt sie sich immer noch gern. Geräusche aus dem Treppenhaus sind ein Problem. Längere Aufenthalte in anderen Räumen durch mich sind auch immer noch ein Grund, dass sie einen sicheren Ort im Schlafzimmer aufsucht, falls ich einmal nicht regelmäßig nach ihr schaue. Aber ich denke, das wird sich noch geben. In meiner Blickweite fühlt sie sich mittlerweile vollkommen sicher.

Der vorgestrige Umzug meines Bettes ins Schlafzimmer wurde mit neugierigen Blicken beäugt und ansonsten billigend zur Kenntnis genommen.

Die Abende nach dem gemeinsamen Essen um 20.00 Uhr gehören komplett ihr, ich sitze auf dem Sofa, sie schläft friedlich neben mir oder auf dem Schoß und versichert sich aller paar Minuten meiner Gegenwart. Nachts schläft sie – wenn sie gerade mal nicht mit lauten Geschepper die Balken in meiner Wohnung ausprobiert – am Fußende im Bett oder im Sessel davor. Morgens empfängt sie mich sitzend auf der Kiste mit Kissen im Flur und hat mittlerweile gelernt: nach dem Kaffeeaufsetzen kommt das Futter. Kein Wehklagen, keine herzzerbrechenden Szenen beim Zubereiten des Futters. Käse ist – wie erwartet – ein toller Leckerbissen.

Es geht ihr sichtbar gut. Shoshannah hat täglich mindestens zwei Stunden lang nur Flausen im Kopf und jagt den unsichtbaren Feind. Sie frisst für zwei und lässt am regelmäßigen Kontrollblick in ihre Toilette keinen Wassermangel erkennen. Sie trifft mit traumhafter Sicherheit die klar abgegrenzte Katzenstreufläche bei ihren etwas diskreteren Geschäften. Die erste Spielmaus hat sich dank ihrer Fürsorge schon in ihre einzelnen Bestandteile aufgelöst und der alte, abgenutzte Teppichboden in meiner Wohnung erweist sich als die perfekte Möglichkeit, ihre Krallen zu schärfen. Und noch etwas: die Mikrofasern meiner Sofas sind widerstandsfähiger, als ich dachte.

Ich bin froh, dass ich die Entscheidung pro Katze endlich nach so vielen Jahren getroffen habe. Und ich bin dankbar dafür, dass ich mit Shoshannah eine wirklich bemerkenswerte Vertreterin ihrer Gattung nun als meine Mitbewohnerin bezeichnen darf.

Laut Impfpass nach der tierärztlichen Untersuchung soll sie »ein bis zwei« Jahre alt sein. Genaueres weiß man nicht. Und da mir bewusst ist, dass man eine Frau nicht ohne Not älter machen sollte, als sie ist: nach ihrem Wesen urteilend habe ich beschlossen, dass der 21. Juni 2011 (Sommeranfang) zukünftig als ihr Geburtstag gefeiert wird, und zwar mit einem extra Stück Limburger oder Bergkäse von Aldi – beides scheint sehr lecker zu sein. Somit ist sie momentan nicht mal anderthalb Jahre alt. Und damit kann sie sicherlich leben. Obwohl es ihr wahrscheinlich ziemlich egal sein wird.