Sommernacht

Nachts, wenn der Sommer kurz Pause macht und die Dächer immer noch dampfen vom Unwetter am vergangenen Nachmittag, schwillt von den Birken plötzlich ein lautes Rascheln heran. Ist da ein Marder im Baum unterwegs auf der Suche nach Essbarem?

Weit in der Ferne rumpelt der Bagger vom Tagebau, auf der polnischen Seite des Flusses. Der stete Tropfen, der vom Oberdach auf die Dachrinne unter meinem Fenster ploppt, spielt Metronom in einem andachtsvollen Adagio. Langsam und fordernd kitzelt die Kälte meinen Körper, während die heiße Wand in der Mansarde sich vehement vor einer Vereinigung mit der nassen Luft da draußen drückt.

Zum dritten Mal nach dem Dunkelwerden gibt es irgendwo in der Stadt ein zünftiges Privatfeuerwerk. Jeder Oberhamster, der qua seines gehobenen Dienstes im Hamsterrad jeden Monat sich das Recht erneuert, seinen schneeweißen Audi auf Herrenart zu lenken, auf andere herabzuschauen und ansonsten zu glauben, all die Leere im Kopf lässt sich mit Lärm und Licht zum Finale der allsommerlichen Sommerparty füllen, wird im Laufe dieses Sommers sein eigenes Feuerwerk angemeldet und ordnungsgemäß vor seinen falschen und richtigen Freunden abgefeiert haben.

Was ist an einer kühlen Sommernacht so bedrohlich, dass man ihre Stille zerknallen muss? Wovor fürchtet sich der Mensch? Ist die Leere so groß, dass sie in Stille umso mehr kaum zu ertragen ist? Wäre ein Kichern nach einem Glas Rotwein schon zuwenig? Das Verlangen, in der Hitze noch fordernd und unerträglich, nun sucht es ein Ventil. Was wäre so falsch daran? Ohne Lärm aus Schwarzpulver.

Auf den Inseln hinter Brüssel hat eine mediale Einpeitscherei ohnegleichen die Wütenden und Ohnmächtigen dazu gebracht, den Anker lichten zu wollen und Britannien etwas mehr nach Westen segeln zu lassen. Zum großen Sohn, dessen Politik nichts Besseres erleben konnte am vergangenen Donnerstag, als die Idee von Europa wieder etwas mehr zerbrechen zu sehen. Und Russland segelt derweil nach Osten. Solange China noch einen großen Bruder braucht, ist das auch logisch.

Schade ist, dass die Mächtigen in Europa immer noch glauben, Wirtschaft und Märkte wären die einzigen Mittel, den Fliehkräften zu einem neuen Krieg innerhalb Europas Einhalt zu gebieten. Noch ein wenig Erasmus-Programm hier, ein wenig Reisefreiheit da, schon ist alles in Butter.

Ein soziales Europa, wo die höchsten Standards innerhalb der Mitgliedsländer für alle verbindlich wären. Ein Europa, wo man mit Steuermitteln nicht den Großbauern stützt, sondern dafür sorgt, dass junge Menschen in Griechenland, Spanien oder Kroatien eine Zukunft haben. Dass eben auch im Süden die hohen Standards des Nordens gelten. Und nicht versucht wird, die Standards in allen EU-Ländern auf das Niveau einer nordafrikanischen Plutokratie zu pressen. Woran gerade kräftig gearbeitet wird, auch in Frankreich, schon lange in Deutschland. Es gibt wieder Menschen, die nicht unter die Geltung der allgemeinen Menschenrechte fallen. Wir sind wieder auf dem Weg dahin, wo Lebensrecht mit Geldwertem erkauft werden muss.

Ich las, allein mit dem Votum wären am Freitag Multimilliarden an Pfund Sterling vernichtet worden. An den Märkten. Jaja, genau. Geld verschwindet.

Man kann das Ergebnis als dumm bezeichnen. Man kann die Brexit-Befürworter als dumm bezeichnen. Man kann aber auch bedenken, dass der Brexit ein Ergebnis großen Unbehagens ist. Gegenüber dem Europa der Märkte. Menschen finden sich da nicht wieder.

Direkte Demokratie. Wünschenswert und auch notwendig. Das Problem für manche Menschen ist, es wäre ein Desaster. Teilhabe an direkter Demokratie setzt voraus, dass es wirklich um Demokratie geht.

Nicht um Ständeherrschaft, so wie heute schon, nur dann bald noch etwas ständischer, so wie es z.B. die AfD fordert. Die Perversität der protestantischen Geld-Ethik, die immer noch mit der Ethik von Arbeit und gottgefälligem Leben umschrieben wird – sie wird uns Menschen das Letzte an Sicherheit austreiben. Kannst Du arbeiten für den Herrn, dann darfst du leben. Darbend zwar und nicht zu voll, aber du darfst leben. Menschen wie ich, die an diesem Hamsterrad jämmerlich scheitern würden, haben da keine Chance.

Der Nutzen der Wenigen wird umgemünzt in Volksempfinden, das Brot kommt durch prekäre Lohnarbeit und die Spiele werden bereitet durch die Möglichkeit, noch Schwächere um sich zu haben und im TV auf all den Dreck herabzuschämen, den nicht mal Geld abwaschen könnte. Dreck, auf den man herunter blicken kann. Menschen, die man zur Not auch nötigen kann in ihrem Leben. Die man vernichten kann, wenn man endlich die Macht dazu bekommt. Dazu braucht es keine AfD. Die ist nur etwas schmerzloser in der Zielführung. Und zielführender im unbedingten Wollen, das Oben und Unten auf neue Stufen zu führen, reiner, absoluter, brutaler. Da sind Kräfte zugange, die endlich an den Futtertrog wollen. Der Plebs ist denen dann auch egal und wird zahlen müssen.

Diejenigen, die dafür sorgen, dass wir uns gegenseitig das Menschsein absprechen, die lehnen sich belustigt zurück, trinken noch ein Glas Wein, lassen das Feuerwerk abbrennen und sind für einen Moment nicht so leer mit sich allein. Sie haben vielleicht sogar den Mut, in solch einer kühlen Sommernacht die Kerzen brennen lassen nach ein paar Jahren wieder, während sie für ein paar Augenblicke in dem versinken, was einmal das Versprechen von Glück, Familie und Wohlstand war. Um sich danach umgehend unter der Dusche zu reinigen.

Es sind nur ein paar Minuten, Gott sei Dank. Ab Montag ist wieder Krieg. Auf den Straßen, im Büro, im Supermarkt und an all den Orten, wo man hoffentlich immer jemanden antrifft, der es offensichtlich verdient hat, ganz unten zu sein.

=========

Eine alte Frau am Kassenband zu fragen, ob die Gurken im Glas nicht schon verdorben sind, weil das Gurkenwasser so trübe ist. Dann erklärt zu bekommen, dass es Saure Gurken sind, keine Gewürzgurken. Das freundliche Lächeln, das Schöne in den Augen, weil man in Freundlichkeit beachtet wird.

Dann ist für einen Moment kein Krieg. Dann ist es ein Wunder, warum ich lebe.

j j j

Es wird kalt bleiben

Intellektuelle Rohheit und menschliches Grobsein hält das Zweifeln vom Leib.

Es geht kein Aufschrei durch das Land. Vereinzelt wird das, was am vergangenen Wochenende nun endgültig die Richtung weist in ein noch kälteres Deutschland, als Episode abgetan. Als Gelegenheit, mit den Rohen und den Groben reden zu müssen. Und im Übrigen wird das schon vorbei gehen. So wie mit den Republikanern, der FAP, den Schill-Spacken und wohl auch der NPD.

Als ob sie reden wollen. Oder gar zuhören. Nein, das sicherlich nicht. Schreien, drohen und niederbrüllen. Das wollen sie, das können sie und das ist das, was bleiben wird.

Intellektuelle Rohheit äußert sich dahingehend, dass all die Werte, die von den nationalkonservativen Schamfaschisten der AfD und ihrem ahnungslos willigen Wahlvieh so beschworen werden, einen Scheiß bedeuten.

Europa war einmal vor allem eine soziale Idee, noch vor der Montanwirtschaft und den offenen Grenzen, der gemeinsamen Währung. Diese Idee dauerte schon, als ein Napoleon noch ein junger Offizier war. Und sie haben es verkackt. Schon damals. Allen voran diejenigen, die lieber köpften als dem Pöbel die Universitäten zu öffnen.

1870/71, als man den ersten maschinellen Krieg benutzte, die kläglichen Reste der Kommune in die Häuserwände zu schießen, da wäre vielleicht die letzte Möglichkeit gewesen, dem deutschen Wesen für immer die Schranken zu weisen.

Ein römischer Kaiser in Wien und hunderte von großen und kleinen Staaten deutscher Sprache. Ein Preußen, das von den Titelfetischisten aus Schlesien rausgehalten wird und ein Sachsen, das bis in alle Ewigkeit die Steuern der Untertanen mit Kunst und Pomp verballert. Und ein Bayern, welches irgendwie eingemauert bleibt und ansonsten still belächelt wird.

Nationaler Pathos kommt von Schwäche. Der Pathos der US-Amerikaner ist alles, was sie haben. Sie haben keine Kirchen, die seit zweitausend Jahren überdauern, sie haben ihr Land unrechtmäßig den eigentlichen Besitzern entrissen. Stolz darauf zu sein, zeugt von Unsicherheit.

Zurück zu den Wählern der AfD. Der Deutsche an sich, ist er sich seiner Zukunft nicht mehr sicher, wählt gern als Schaf den Wolf. Damit er von dem geschlachtet wird, den er beim Namen kennt. Nichts ist erbärmlicher, als um sein Ende zu betteln. Der Deutsche mag das. Wir Deutsche lieben den Untergang. Wir lieben Wagner und Mahler, wir lieben es, uns in Gewalt dem Ende hinzugeben, und sei es mit Streichern und Pauken und dem finalen Ton der Hörner. Nur dann haben wir scheinbar eine Ahnung von dem, wie es sich anfühlen könnte, die eigene Existenz für einen Moment zu spüren. Wir sind stolz auf Goethe. Nur kaum einer kennt den Faust im Ganzen, so wie ein guter Moslem den Koran kennt.

Wir lieben es, uns besser zu machen. Besser, als wir sind. Besser als alle anderen. Wir haben keine Ahnung davon, wie es ist, ohne Gegenleistung zu helfen, wenn wir Schwächere sehen. Wir lassen die Obrigkeit seit 1945 schalten und walten, als hätten wir durch die Zeiten davor nichts gelernt. Wir denken, wenn es Wirtschaftswunder gibt, dann ist die Obrigkeit die richtige. Für immerdar. Also für solange, wie wir leben. Danach ist egal. Auch, wenn das System, das wir alle vier Jahre alternativlos machen, einen Geburtsfehler hat. Egal, solange das eigene Leben nur funktioniert auf Kosten anderer, dann soll es so schlecht nicht sein.

Das Glück, in Deutschland geboren zu sein, wird zum eigenen Verdienst. Wir wissen nicht, wie es sich anders anfühlt. Das Gefühl, das nichts sicher ist.

Nur die Ahnung von dieser Unsicherheit reicht, alles fahren zu lassen.

Als 1929 die NSDAP langsam nach oben kam durch Wahlen, da wollten viele Deutsche den Spacken vom Zentrum und der SPD mal so richtig die Meinung geigen. Die Wirtschaft lag unten, die Weimarer Jahre hatten zuviel an Dingen zugelassen, die man nicht verstand. Frauen in Hosen, Frauen, die rauchten. Nackte Tänzer in den Berliner Bars. Turbo-Kapitalismus. Arbeitslosigkeit und Hunger.

Sündenböcke findet man immer. Die Hartzer braucht man momentan noch. Solange sie noch Wahlrecht haben und den Rand wählen, der so auf Mitte macht.

Spätestens, wenn Arbeitslosen– und Unfallversicherung abgeschafft sein werden, der Mindestlohn Geschichte ist und auch die letzten Reste einer Solidargemeinschaft geschleift sind, dann werden die Flüchtlinge kein Problem mehr sein. Dann geht es ans Eingemachte. Alte werden nicht mehr versorgt werden, damit sie schneller sterben. Behinderte auch. Arbeitslose werden verhungern oder sie verkaufen sich in die moderne Sklaverei. Der Staat wird nur noch die ausnehmen und drangsalieren, die eh nichts haben. Zwölfjährige werden strafmündig sein, Verdächtige werden ohne Verfahren in Haft wandern.

Neo-Feudalismus. Klingt so weit weg. So unmöglich. Ganz und gar nicht. Die AfD entwirf gerade ein Parteiprogramm, wo all das drin steht. Und wird man erst mal am Futtertrog sitzen, dann wird das auch Realität sein.

So wie heute ein Deutschland, was vor 30 Jahren noch unmöglich erschien. Es wird noch kälter werden. Menschen werden sich für noch weniger die Köpfe einschlagen. Menschen werden all das in sich wecken, was schon seit langem für immer unmöglich erschien.

Angst und Dummheit sind immer gut. Für den, der die Ängstlichen und Dummen in die Sklaverei pressen will.

Bruch und Schiller, Goethe und Heine, Kafka und Mühsam. Tucholsky und Brecht. Sie alle werden der Masse ungehört bleiben. So wie immer.

Angst und Dummheit. Ich hatte gehofft, es würde besser. Intellektuell ist man dann, wenn man den Preis für seine Mittäterschaft nur hoch genug ansetzt, damit man das Intellektuelle weiter pflegen kann. Um den Schein zu wahren. Um sich besser als die Anderen zu fühlen.

Das ist, was wir Deutschen wollen.

j j j

Späte Wiederkehr

Kreuzberg war nie wirklich meine Heimat, Neukölln schon gar nicht.

Den Friedrichshain, wie ich ihn in Erinnerung habe, wird es wohl auch nicht mehr geben. Aber vielleicht täusche ich mich da. Ich hatte zwar vor, vergangenen Montag noch eine Biege durch meinen alten Kiez zu machen, aber das allgegenwärtige Blitzeis und die zahlreichen Blaulichter auf den Straßen Neuköllns und Treptows ließen mich dann doch schnell in Richtung Süden entschwinden.

Mehr …

j j j

Aus der Mitte des Nichts

Noch immer gefangen in der Gewissheit, seit geraumer Zeit alles Menschenmögliche dafür getan zu haben, dass das Glück niemals wieder an meine Tür klopfen wird, regt sich – wenn auch zaghaft – Widerspruch in mir.

Was ist schon Glück? Vollkommene Fülle? Absolute Stille? Orgiastisches Fühlen in wärmenden Schüben von den Beinen herauf, das länger als einen Augenblick anhält?

Ich weiß es nicht. Somit stellt sich die Frage, was ich da mit aller Gewalt aus meinem Leben heraushalten wollte. Nüchtern betrachtet drehte sich mein Streben nach Zufriedenheit immer um einen Zustand vollkommener Einsamkeit. Das mag in seiner profanen Art seltsam klingen. Unsozial. Kann sein.

Mehr …

j j j