Es wird kalt bleiben

Intellektuelle Rohheit und menschliches Grobsein hält das Zweifeln vom Leib.

Es geht kein Aufschrei durch das Land. Vereinzelt wird das, was am vergangenen Wochenende nun endgültig die Richtung weist in ein noch kälteres Deutschland, als Episode abgetan. Als Gelegenheit, mit den Rohen und den Groben reden zu müssen. Und im Übrigen wird das schon vorbei gehen. So wie mit den Republikanern, der FAP, den Schill-Spacken und wohl auch der NPD.

Als ob sie reden wollen. Oder gar zuhören. Nein, das sicherlich nicht. Schreien, drohen und niederbrüllen. Das wollen sie, das können sie und das ist das, was bleiben wird.

Intellektuelle Rohheit äußert sich dahingehend, dass all die Werte, die von den nationalkonservativen Schamfaschisten der AfD und ihrem ahnungslos willigen Wahlvieh so beschworen werden, einen Scheiß bedeuten.

Europa war einmal vor allem eine soziale Idee, noch vor der Montanwirtschaft und den offenen Grenzen, der gemeinsamen Währung. Diese Idee dauerte schon, als ein Napoleon noch ein junger Offizier war. Und sie haben es verkackt. Schon damals. Allen voran diejenigen, die lieber köpften als dem Pöbel die Universitäten zu öffnen.

1870/71, als man den ersten maschinellen Krieg benutzte, die kläglichen Reste der Kommune in die Häuserwände zu schießen, da wäre vielleicht die letzte Möglichkeit gewesen, dem deutschen Wesen für immer die Schranken zu weisen.

Ein römischer Kaiser in Wien und hunderte von großen und kleinen Staaten deutscher Sprache. Ein Preußen, das von den Titelfetischisten aus Schlesien rausgehalten wird und ein Sachsen, das bis in alle Ewigkeit die Steuern der Untertanen mit Kunst und Pomp verballert. Und ein Bayern, welches irgendwie eingemauert bleibt und ansonsten still belächelt wird.

Nationaler Pathos kommt von Schwäche. Der Pathos der US-Amerikaner ist alles, was sie haben. Sie haben keine Kirchen, die seit zweitausend Jahren überdauern, sie haben ihr Land unrechtmäßig den eigentlichen Besitzern entrissen. Stolz darauf zu sein, zeugt von Unsicherheit.

Zurück zu den Wählern der AfD. Der Deutsche an sich, ist er sich seiner Zukunft nicht mehr sicher, wählt gern als Schaf den Wolf. Damit er von dem geschlachtet wird, den er beim Namen kennt. Nichts ist erbärmlicher, als um sein Ende zu betteln. Der Deutsche mag das. Wir Deutsche lieben den Untergang. Wir lieben Wagner und Mahler, wir lieben es, uns in Gewalt dem Ende hinzugeben, und sei es mit Streichern und Pauken und dem finalen Ton der Hörner. Nur dann haben wir scheinbar eine Ahnung von dem, wie es sich anfühlen könnte, die eigene Existenz für einen Moment zu spüren. Wir sind stolz auf Goethe. Nur kaum einer kennt den Faust im Ganzen, so wie ein guter Moslem den Koran kennt.

Wir lieben es, uns besser zu machen. Besser, als wir sind. Besser als alle anderen. Wir haben keine Ahnung davon, wie es ist, ohne Gegenleistung zu helfen, wenn wir Schwächere sehen. Wir lassen die Obrigkeit seit 1945 schalten und walten, als hätten wir durch die Zeiten davor nichts gelernt. Wir denken, wenn es Wirtschaftswunder gibt, dann ist die Obrigkeit die richtige. Für immerdar. Also für solange, wie wir leben. Danach ist egal. Auch, wenn das System, das wir alle vier Jahre alternativlos machen, einen Geburtsfehler hat. Egal, solange das eigene Leben nur funktioniert auf Kosten anderer, dann soll es so schlecht nicht sein.

Das Glück, in Deutschland geboren zu sein, wird zum eigenen Verdienst. Wir wissen nicht, wie es sich anders anfühlt. Das Gefühl, das nichts sicher ist.

Nur die Ahnung von dieser Unsicherheit reicht, alles fahren zu lassen.

Als 1929 die NSDAP langsam nach oben kam durch Wahlen, da wollten viele Deutsche den Spacken vom Zentrum und der SPD mal so richtig die Meinung geigen. Die Wirtschaft lag unten, die Weimarer Jahre hatten zuviel an Dingen zugelassen, die man nicht verstand. Frauen in Hosen, Frauen, die rauchten. Nackte Tänzer in den Berliner Bars. Turbo-Kapitalismus. Arbeitslosigkeit und Hunger.

Sündenböcke findet man immer. Die Hartzer braucht man momentan noch. Solange sie noch Wahlrecht haben und den Rand wählen, der so auf Mitte macht.

Spätestens, wenn Arbeitslosen– und Unfallversicherung abgeschafft sein werden, der Mindestlohn Geschichte ist und auch die letzten Reste einer Solidargemeinschaft geschleift sind, dann werden die Flüchtlinge kein Problem mehr sein. Dann geht es ans Eingemachte. Alte werden nicht mehr versorgt werden, damit sie schneller sterben. Behinderte auch. Arbeitslose werden verhungern oder sie verkaufen sich in die moderne Sklaverei. Der Staat wird nur noch die ausnehmen und drangsalieren, die eh nichts haben. Zwölfjährige werden strafmündig sein, Verdächtige werden ohne Verfahren in Haft wandern.

Neo-Feudalismus. Klingt so weit weg. So unmöglich. Ganz und gar nicht. Die AfD entwirf gerade ein Parteiprogramm, wo all das drin steht. Und wird man erst mal am Futtertrog sitzen, dann wird das auch Realität sein.

So wie heute ein Deutschland, was vor 30 Jahren noch unmöglich erschien. Es wird noch kälter werden. Menschen werden sich für noch weniger die Köpfe einschlagen. Menschen werden all das in sich wecken, was schon seit langem für immer unmöglich erschien.

Angst und Dummheit sind immer gut. Für den, der die Ängstlichen und Dummen in die Sklaverei pressen will.

Bruch und Schiller, Goethe und Heine, Kafka und Mühsam. Tucholsky und Brecht. Sie alle werden der Masse ungehört bleiben. So wie immer.

Angst und Dummheit. Ich hatte gehofft, es würde besser. Intellektuell ist man dann, wenn man den Preis für seine Mittäterschaft nur hoch genug ansetzt, damit man das Intellektuelle weiter pflegen kann. Um den Schein zu wahren. Um sich besser als die Anderen zu fühlen.

Das ist, was wir Deutschen wollen.

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Späte Wiederkehr

Kreuzberg war nie wirklich meine Heimat, Neukölln schon gar nicht.

Den Friedrichshain, wie ich ihn in Erinnerung habe, wird es wohl auch nicht mehr geben. Aber vielleicht täusche ich mich da. Ich hatte zwar vor, vergangenen Montag noch eine Biege durch meinen alten Kiez zu machen, aber das allgegenwärtige Blitzeis und die zahlreichen Blaulichter auf den Straßen Neuköllns und Treptows ließen mich dann doch schnell in Richtung Süden entschwinden.

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Aus der Mitte des Nichts

Noch immer gefangen in der Gewissheit, seit geraumer Zeit alles Menschenmögliche dafür getan zu haben, dass das Glück niemals wieder an meine Tür klopfen wird, regt sich – wenn auch zaghaft – Widerspruch in mir.

Was ist schon Glück? Vollkommene Fülle? Absolute Stille? Orgiastisches Fühlen in wärmenden Schüben von den Beinen herauf, das länger als einen Augenblick anhält?

Ich weiß es nicht. Somit stellt sich die Frage, was ich da mit aller Gewalt aus meinem Leben heraushalten wollte. Nüchtern betrachtet drehte sich mein Streben nach Zufriedenheit immer um einen Zustand vollkommener Einsamkeit. Das mag in seiner profanen Art seltsam klingen. Unsozial. Kann sein.

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Das Wichtigste zuerst – Teil 2

Statistiken sind nicht so meine Sache. So kann ich nicht mit Gewissheit sagen, in welchem Raum ich nach dem Schlafzimmer die meiste Zeit des Tages verbringe. Da ich aber in der Regel einmal am Tag koche und – seitdem ich ein iPad besitze – den Morgenkaffee (zwei Kaffeebecher, an Wochenenden auch mal drei) mittlerweile fast ausschließlich gleich neben der Quelle einnehme, ist die Küche schon ein heißer Anwärter auf Platz Nummer Zwei.

Nachdem Trockenbau, Installation sowie Tapezieren und Malern abgeschlossen waren, sollten nun in der vergangenen Woche die Küchenmöbel aufgebaut werden.

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